browser icon
You are using an insecure version of your web browser. Please update your browser!
Using an outdated browser makes your computer unsafe. For a safer, faster, more enjoyable user experience, please update your browser today or try a newer browser.

Frühlingsgedichte

Die schönsten Frühlingsgedichte

von Theodor Storm, Hermann Löns, Louise Otto, Annete v. Droste-Hülshoff, Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Christian Morgenstern, Joseph von Eichendorff, Novalis und vielen anderen.

___________________________________________________

Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
im warmen Mittagssonnenstrahle,
ein rosenroter Schimmer fliegt
um ihre alten Gräbermale;
die Kräuter blühn; der Heideduft
steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
in ihren goldnen Panzerröckchen,
die Bienen hängen Zweig um Zweig
sich an der Edelheide Glöckchen;
die Vögel schwirren aus dem Kraut -
die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
steht einsam hier und sonnbeschienen;
der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
behaglich blinzelnd nach den Bienen;
sein Junge auf dem Stein davor
schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
dem Alten fällt die Wimper zu,
dr träumt von seinen Honigernten.
- Kein Klang der aufgeregten Zeit
drang noch in diese Einsamkeit.

Theodor Storm
(1817 – 1888)

___________________________________________________

Urlaub an der Nordsee

Heuschnupfen - mit mir nicht

Alle Birken grünen in Moor und Heid’

Alle Birken grünen in Moor und Heid’;
jeder Brambusch leuchtet wie Gold.
Alle Heidlerchen jubeln vor Fröhlichkeit;
jeder Birkhahn kollert und tollt.

Meine Augen gehen wohl hin, wohl her
auf dem schwarzen, weißflockigen Moor,
auf dem braunen, grünschimmernden Heidemeer,
und steigen zum Himmel empor.

Zum Blauhimmel hin, wo ein Wölklein zieht,
wie ein Wollgrasflöckchen, so leicht;
und mein Herz, es singt ein leises Lied,
das auf zum Himmel steigt;

Ein leises Lied, ein stilles Lied,
ein Lied so fein und so lind
wie ein Wölklein, das über die Bläue zieht,
wie ein Wollgrasflöckchen im Wind.

Hermann Löns
(1866 – 1914)
vertont von Ernst Licht

___________________________________________________

Blumengeister

Nun ist im Sturm mit Schnee und Eis
der Winter angekommen,
hat auf tyrannisches Geheiß
die Blüten all genommen.
Sie sind dahin mit einem mal
und hängen welk hernieder,
es weckt kein milder Sonnenstrahl
die Frostgetroffnen wieder.

Ihr Glanz, ihr Duft, ihr Leben schwand
und öd’ sind Flur und Garten,
zur weißen Wüste ward das Land,
die Flüsse selbst erstarrten.

So sinken in die kalte Gruft
die letzten Blumenleichen,
und harren bis der Lenz sie ruft
aus ihrem Grab zu steigen.

Doch kann der Blumengeister Schar
wohl nächtlich um noch gehen -
in kalter Mondnacht, hell und klar
sind sie gar oft zu sehen.

Sie kommen aus dem Grab hervor
wie neckende Gespenster,
und blühen – ein krystall’ner Flor
an dem gefrornen Fenster.

Und rufen die Erinnrung wach
an alle Sommerstunden,
wo Menschenhand die Blümlein brach
und sie zum Kranz gewunden –

Wo Menschenfuß sie gar zertrat,
nicht achtend auf ihr Flehen -
es lässt zu rächen solche Tat,
die Geisterschar sich sehen.

Und mahnt mit glänzend heller Schrift:
“Dein eignes Thun bewache,
damit dich nicht im Winter trifft
der Blumengeister Rache!”

Louise Otto
(1819-1895)

___________________________________________________

Der Frühling ist die schönste Zeit

Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?
Da grünt und blüht es weit und breit
im goldnen Sonnenschein.
Am Berghang schmilzt der letzte Schnee,
das Bächlein rauscht zu Tal,
es grünt die Saat, es blinkt der See
im Frühlingssonnenstrahl.
Die Lerchen singen überall,
die Amsel schlägt im Wald!
Nun kommt die liebe Nachtigall
und auch der Kuckuck bald.
Nun jauchzet alles weit und breit,
da stimmen froh wir ein:
Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?

Annette von Droste-Hülshoff
(1797-1848)

___________________________________________________

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
die Tage kommen blütenreich und milde,
der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.
Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
wie eine Pracht, wo sich Feste verbreiten,
der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
so sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Hölderlin, Friedrich
(1770-1843)

___________________________________________________

Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen,
die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat,
mit Sorgen zu Haus!
Wie die Wolken dort wandern
am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in
die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter,
dass Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne
mein Glück mir noch blüht.
Es gibt so manche Straße,
da nimmer ich marschiert,
es gibt so manchen Wein,
den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf drum
im hellen Sonnenstrahl!
Wohl über die Berge,
wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen,
die Bäume rauschen all;
mein Herz ist wie ‘ne Lerche
und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein,
da kehr ich durstig ein:
“Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne
mit schönem blanken Wein!
Ergreife die Fiedel,
du lust’ger Spielmann, du!
Von meinem Schatz das Liedel,
das singe ich dazu!”

Und find ich kein’ Herberg’,
so liege ich zur Nacht
wohl unter blauem Himmel,
die Sterne halten Wacht;
im Winde die Linde,
die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Früh
das Morgenrot mich wach.

O Wandern, o Wandern,
du freie Burschenlust!
Da weht Gottes Odem
so frisch in die Brust;
da singet und jauchzet
das Herz zum Himmelszelt:
wie bist du doch so schön, o,
du weite, weite Welt!

Emanuel Geibel
(1815 – 1884)
vertont von Justus Wilhelm Lyra 1842

___________________________________________________

Die blauen Frühlingsaugen

Die blauen Frühlingsaugen
schauen aus dem Gras hervor;
das sind die lieben Veilchen,
die ich zum Strauß erkor.

Ich pflückte sie und denke,
und die Gedanken all’,
die mir im Herzen seufzen,
singt laut die Nachtigall.

Ja, was ich denke, singt sie
laut schmetternd, dass es schallt;
mein zärtliches Geheimnis
weiß schon der ganze Wald.

Heinrich Heine
(1797-1856)

___________________________________________________

Die Nachtigall

Das macht, es hat die Nachtigall
die ganze Nacht gesungen;
da sind von ihrem süßen Schall,
da sind in Hall und Widerhall
die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut
nun geht sie tief in Sinnen,
trägt in der Hand den Sommerhut
und duldet still der Sonne Glut
und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
die ganze Nacht gesungen;
da sind von ihrem süßen Schall,
da sind in Hall und Widerhall
die Rosen aufgesprungen.

Theodor Storm
(1817 – 1888)

___________________________________________________

Eine einsame Rose

Eine einsame Rose in müder Hand -
und niemand, dem ich sie schenken kann…
In dessen züchtigen Busengewand
ich ihr glühendes Rot versenken kann …
Dass freundlich bei dem duftigen Pfand
sein Herzchen meiner gedenken kann …
Eine einsame Rose in müder Hand -
und niemand, dem ich sie schenken kann..

Christian Morgenstern
(1871-1914)

___________________________________________________

Entschluss

Noch schien der Lenz nicht gekommen,
es lag noch so stumm die Welt,
da hab’ den Stab ich genommen,
zu pilgern ins weite Feld.

Und will auch kein’ Lerch’ sich schwingen,
du breite die Flügel, mein Herz,
lass hell und fröhlich uns singen
zum Himmel aus allem Schmerz!

Da schauen im Tale erschrocken
die Wandrer rings in die Luft,
mein Liebchen schüttelt die Locken,
sie weiß es wohl, wer sie ruft.

Und wie sie noch steh’n und lauschen,
da blitzt es schon fern und nah,
all’ Wälder und Quellen rauschen,
und Frühling ist wieder da!

Joseph von Eichendorff
(1788 – 1857)

___________________________________________________

Es färbte sich die Wiese grün

Und um die Hecken sah ich blühn,
tagtäglich sah ich neue Kräuter,
mild war die Luft, der Himmel heiter.
Ich wusste nicht, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.
Und immer dunkler ward der Wald
auch bunter Sänger Aufenthalt,
es drang mir bald auf allen Wegen
ihr Klang in süßen Duft entgegen.
Ich wusste nicht, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.

Es quoll und trieb nun überall
mit Leben, Farben, Duft und Schall,
sie schienen gern sich zu vereinen,
dass alles möchte lieblich scheinen.
Ich wusste nicht, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.

So dacht ich: ist ein Geist erwacht,
der alles so lebendig macht
und der mit tausend schönen Waren
und Blüten sich will offenbaren?
Ich wusste nicht, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.
Vielleicht beginnt ein neues Reich.
Der lockre Staub wird zum Gesträuch
der Baum nimmt tierische Gebärden
das Tier soll gar zum Menschen werden.
Ich wusste nicht, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.

Wie ich so stand und bei mir sann,
ein mächtger Trieb in mir begann.
Ein freundlich Mädchen kam gegangen
und nahm mir jeden Sinn gefangen.
Ich wusste nicht, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.

Sie ging vorbei, ich grüßte sie,
sie dankte, das vergeß ich nie.
Ich musste ihre Hand erfassen
und sie schien gern sie mir zu lassen.
Ich wusste nicht, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.

Uns barg der Wald vor Sonnenschein
das ist der Frühling fiel mir ein.
Kurzum, ich sah, dass jetzt auf Erden
die Menschen sollten Götter werden.
Nun wußt ich wohl, wie mir geschah,
und wie das wurde, was ich sah.

Novalis (bzw. Friedrich Freiherr von Hardenberg)
(1772-1801)

___________________________________________________

Es grünen die Bäume

Es grünen die Bäume des Waldes,
es kündigt der Frühling sich an,
hinweg mit dem frostigen Winter,
der Frühling ist ein sanfter Mann!
Die langen goldnen Strahlen,
sie sind wie ein langes Haar!
Die Veilchen im tiefen Grase
sind blau, wie ein Augenpaar!

Friederike Kempner
(1836-1904)

___________________________________________________

Frühling lässt sein blaues Band

Frühling lässt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
dich hab ich vernommen!

Eduard Mörike
(1804 – 1875)

___________________________________________________

Frühling

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
“Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!”
Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
“Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!”
Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?

Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
“Der Frühling, der Frühling!” – da wusst’ ich genug!

Heinrich Seidel
(1842-1906)

___________________________________________________

Frühling

Hoch oben von dem Eichenast
Eine bunte Meise läutet
ein frohes Lied, ein helles Lied,
ich weiß auch, was es bedeutet.

Es schmilzt der Schnee, es kommt das Gras,
die Blumen werden blühen;
es wird die ganze weite Welt
in Frühlingsfarben glühen.

Die Meise läutet den Frühling ein,
ich hab’ es schon lange vernommen;
er ist zu mir bei Eis und Schnee
mit Singen und Klingen gekommen.

Hermann Löns
(1866 – 1914)

___________________________________________________

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh;
“er kam, er kam ja immer noch“,
die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
nun treiben sie Schuss auf Schuss;
im Garten der alte Apfelbaum,
er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz
und atmet noch nicht frei,
es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
und März ist noch nicht Mai.«

O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh’:
es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.

Theodor Fontane
(1819 – 1898)

___________________________________________________

Frühlings Ankunft

Grüner Schimmer spielet wieder
drüben über Wies’ und Feld.
Frohe Hoffnung senkt sich nieder
auf die stumme trübe Welt.
Ja, nach langen Winterleiden
kehrt der Frühling uns zurück,
will die Welt in Freude kleiden,
will uns bringen neues Glück.

Seht, ein Schmetterling als Bote
zieht einher in Frühlingstracht,
meldet uns, dass alles Tote
nun zum Leben auferwacht.
Nur die Veilchen schüchtern wagen
aufzuschau’n zum Sonnenschein;
ist es doch, als ob sie fragen:
“Sollt’ es denn schon Frühling sein?“

Seht, wie sich die Lerchen schwingen
in das blaue Himmelszelt!
Wie sie schwirren, wie sie singen
über uns herab ins Feld!
Alles Leid entflieht auf Erden
vor des Frühlings Freud’ und Lust -
nun, so soll’s auch Frühling werden,
Frühling auch in unsrer Brust!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(1798 – 1874)

___________________________________________________

Frühlingsbotschaft

Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald:
Lasset uns singen,
tanzen und springen!
Frühling, Frühling wird es nun bald.

Kuckuck, Kuckuck lässt nicht sein Schrei’n:
Kommt in die Felder,
Wiesen und Wälder!
Frühling, Frühling, stelle dich ein!

Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held!
Was du gesungen,
ist dir gelungen:
Winter, Winter räumet das Feld.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(1798 – 1874)

___________________________________________________

Frühlingsbotschaft

Leise zieht durch mein Gemüt
liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus bis an das Haus,
wo die Veilchen sprießen!
Wenn du eine Rose schaust,
sag, ich lass sie grüßen.

Heinrich Heine
(1797-1856)

___________________________________________________

Frühlingsgedränge

Frühlingskinder im bunten Gedränge,
flatternde Blüten, duftende Hauche,
schmachtende, jubelnde Liebesgesänge
stürzen an’s Herz mir aus jedem Strauche.
Frühlingskinder mein Herz umschwärmen,
flüstern hinein mit schmeichelnden Worten,
rufen hinein mit trunkenem Lärmen,
rütteln an längst verschlossenen Pforten.
Frühlingskinder, mein Herz umringend,
was doch sucht ihr darin so dringend?
Hab’ ich’s verraten euch jüngst im Traume,
schlummernd unter dem Blütenbaume?
Brachten euch Morgenwinde die Sage,
dass ich im Herzen eingeschlossen
euren lieblichen Spielgenossen,
Heimlich und selig – ihr Bildnis trage?

Nikolaus Lenau
(1802-1850)

___________________________________________________

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
sie säuseln und weben Tag und Nacht,
sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal;
nun, armes Herz, vergiss der Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland
(1787 – 1862)

___________________________________________________

Frühlingslied

Die Luft ist blau, das Tal ist grün,
die kleinen Maienglocken blühn
und Schlüsselblumen drunter;
der Wiesengrund ist schon so bunt
und malt sich täglich bunter.

Drum komme, wem der Mai gefällt,
und freue sich der schönen Welt
und Gottes Vatergüte,
die diese Pracht hervorgebracht,
den Baum und seine Blüte.

Ludwig Hölty
(1748 – 1776)

___________________________________________________

Frühlingsnacht

Übern Garten durch die Lüfte
hört ich Wandervögel ziehn,
das bedeutet Frühlingsdüfte,
unten fängt’s schon an zu blühn.

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s,
und in Träumen rauscht’s der Hain,
und die Nachtigallen schlagen’s:
Sie ist deine, sie ist dein!

Joseph von Eichendorff
(1788 – 1857)

___________________________________________________

Gleich und gleich

Ein Blumenglöckchen
vom Boden hervor
war früh gesprosset
in lieblichem Flor;
da kam ein Bienchen
und naschte fein -
die müssen wohl beide
für einander sein.

Johann Wolfgang von Goethe
(1710-1782)

___________________________________________________

Im Frühling

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel
die Wolke wird mein Flügel,
ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag mir, alleinzige Liebe,
wo du bleibst, dass ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.
Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
sich dehnend
in Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?
Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,
es dringt der Sonne goldener Kuss
mir tief ins Geblüt hinein;
die Augen, wunderbar berauschet,
tun, als schliefen sie ein,
nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.
Ich denke dies und denke das,
ich sehne mich und weiß nicht recht, nach was.
Halb ist es Lust, halb ist es Klage.
Mein Herz, o sage,
was webst du für Erinnerung
in golden grüner Zweige Dämmerung?
Alte unnennbare Tage.

Eduard Mörike
(1804-1875)

___________________________________________________

Im Frühlingsanfang

Erwacht zum neuen Leben
steht vor mir die Natur,
und sanfte Lüfte wehen
durch die verjüngte Flur.
Empor aus seiner Hülle
drängt sich der junge Halm,
der Wälder öde Stille
belebt der Vögel Psalm.
Die Flur im Blumenkleide
ist, Schöpfer, dein Altar,
und Opfer reiner Freude
weiht dir das junge Jahr;
es bringt die ersten Düfte
der blauen Veilchen dir,
und schwebend durch die Lüfte
lobsingt die Lerche dir.

Ich schau’ ihr nach und schwinge
voll Dank mich auf zu dir,
dem Schöpfer aller Dinge,
Ggsegnet seist du mir!
Weit über sie erhoben,
kann ich der Fluren Pracht
empfinden, kann dich loben,
der du den Lenz gemacht.

O Vater, deine Milde
fühlt Berg und Tal und Au,
es grünen die Gefilde,
beperlt vom Morgentau;
der Blumenweid’ entgegen
blökt schon die Herd’ im Tal,
und in dem Staube regen
sich Würmer ohne Zahl.

Glänzt von der blauen Feste
die Sonn’ auf unsre Flur,
so weiht zum Schöpfungsfeste
sich jede Kreatur,
und alle Blätter dringen
aus ihrem Keim hervor,
und alle Vögel schwingen
sich aus dem Schlaf empor.

Lobsing’ ihm, meine Seele,
dem Gott, der Freuden schafft!
Lobsing’ ihm und erzähle
die Werke seiner Kraft!
Hier von dem Blütenhügel
bis zu der Sterne Bahn
steig’ auf der Andacht Flügel
dein Loblied himmelan!

Christoph Christian Sturm
(1740-1786)

___________________________________________________

Komm, lieber Mai, und mache

Komm, lieber Mai, und mache
die Bäume wieder grün
und lass mir an dem Bache
die kleinen Veilchen blühn.
Wie möcht ich doch so gerne
ein Veilchen wieder sehen,
ach, lieber Mai, wie gerne
einmal spazierengehn!

Zwar Wintertage haben
wohl auch der Freuden viel,
man kann im Schnee frisch traben
und treibt manch Abendspiel;
baut Häuserchen von Karten,
spielt Blindekuh und Pfand,
auch gibt´s wohl Schlittenfahrten
aufs liebe, freie Land.

Doch wenn die Vöglein singen
Und wir dann froh und flink
Auf grünem Rasen springen
Das ist ein ander’ Ding
D’rum komm und bring vor Allem
uns viele Veilchen mit
Bring auch viel Nachtigallen
Und viele Kuckucks Lied.

Christian Adolph Overbeck
(1755-1821)
vertont von W. A. Mozart 1791

___________________________________________________

Liebes Veilchen

Blühe, liebes Veilchen,
das ich selbst erzog,
blühe noch ein Weilchen,
werde schöner noch!
Weißt du was ich denke?
Lotten zum Geschenke
pflück ich nächstens dich.
Blümchen, freue dich!
Lotte, mußt du wissen,
ist mein liebes Kind!
Sollt’ ich Lotte missen,
weinte ich mich blind!
Lotte hat vor allen
Kindern mir gefallen,
die ich je gesehen,
das muß ich gestehen.

Solch ein schmuckes Mädchen
gibt es weiter nicht!
Zwar hat Nachbars Gretchen
auch ein hübsch Gesicht!
Doch muß ich’s nur sagen,
würde man mich fragen:
Möcht`st du Gretchen frein?
Sicher sag ich: Nein!

Christian Adolph Overbeck
(1775-1821)

___________________________________________________

Liebesfeier

An ihren bunten Liedern klettert
die Lerche selig in die Luft;
ein Jubelchor von Sängern schmettert
im Walde, voller Blüt und Duft.

Da sind, soweit die Blicke gleiten,
Altäre festlich aufgebaut,
und all die tausend Herzen läuten
zur Liebesfeier dringend laut.

Der Lenz hat Rosen angezündet
an Leuchtern von Smaragd im Dom;
und jede Seele schwillt und mündet
hinüber in den Opferstrom.

Nikolaus Lenau
(1802-1850)

___________________________________________________

Lob des Frühlings

Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!
Wenn ich solche Worte singe,
braucht es dann noch große Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag!

Ludwig Uhland
(1787-1847)

___________________________________________________

März

Es ist ein Schnee gefallen,
denn es ist noch nicht Zeit,
dass von den Blümlein allen,
dass von den Blümlein allen
wir werden hoch erfreut.

Der Sonnenblick betrüget
mit mildem, falschem Schein,
die Schwalbe selber lüget,
die Schwalbe selber lüget,
warum? Sie kommt allein.

Sollt ich mich einzeln freuen,
wenn auch der Frühling nah?
Doch kommen wir zu zweien,
doch kommen wir zu zweien,
gleich ist der Sommer da.

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 – 1832)

___________________________________________________

Mein Garten

Jeden Morgen in meinem Garten
öffnen neue Blüten sich dem Tag.
Überall ein heimliches Erwarten,
das nun länger nicht mehr zögern mag.
Die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön,
wenn der Dornbusch blüht und die Erde
mit Gras und Blumen prangert.

Matthias Claudius
(1740-1815)

___________________________________________________

Nur einmal bringt des Jahres Lauf

Nur einmal bringt des Jahres Lauf
uns Lenz und Lerchenlieder.
Nur einmal blüht die Rose auf,
und dann verwelkt sie wieder;
nur einmal gönnt uns das Geschick
so jung zu sein auf Erden:
Hast du versäumt den Augenblick,
jung wirst du nie mehr werden.

Drum lass von der gemachten Pein
um nie gefühlte Wunden!
Der Augenblick ist immer dein,
doch rasch entfliehn die Stunden.
Und wer als Greis im grauen Haar
vom Schmerz noch nicht genesen,
der ist als Jüngling auch fürwahr
nie jung und frisch gewesen.

Nur einmal blüht die Jugendzeit
und ist so bald entschwunden;
und wer nur lebt vergangnem Leid,
wird nimmermehr gesunden.
Verjüngt sich denn nicht auch Natur
stets neu im Frühlingsweben?
Sei jung und blühend einmal nur,
doch das durchs ganze Leben!

Richard v. Wilpert
(1862 – 1918)

___________________________________________________

Schneeglöckchen

‘s war doch wie ein leises Singen
in dem Garten heute Nacht,
wie wenn laue Lüfte gingen:
»Süße Glöcklein, nun erwacht,
denn die warme Zeit wir bringen,
eh’s noch jemand hat gedacht.« -
‘s war kein Singen, ‘s war ein Küssen,
rührt’ die stillen Glöcklein sacht,
dass sie alle tönen müssen
von der künft’gen bunten Pracht.
Ach, sie konnten’s nicht erwarten,
aber weiß vom letzten Schnee
war noch immer Feld und Garten,
und sie sanken um vor Weh.
So schon manche Dichter streckten
sangesmüde sich hinab,
und der Frühling, den sie weckten,
rauschet über ihrem Grab.

Joseph von Eichendorff
(1788 – 1857)

___________________________________________________

Sehnsucht nach dem Frühling

O, wie ist es kalt geworden
und so traurig, öd` und leer!
Raue Winde weh`n von Norden
und die Sonne scheint nicht mehr.

Auf die Berge möcht` ich fliegen,
möchte seh`n ein grünes Tal,
möcht` in Gras und Blumen liegen
únd mich freu`n am Sonnenstrahl;

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang,
möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang.

Schöner Frühling, komm doch wieder,
lieber Frühling, komm doch bald,
bring` uns Blumen, Laub und Lieder,
schmücke wieder Feld und Wald!

Ja, du bist uns treu geblieben,
kommst nun bald in Pracht und Glanz,
bringst nun bald all deinen Lieben
sang und Freude, Spiel und Tanz.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

(1798-1874)

___________________________________________________

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt,
wo Weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
und kühlte die Glieder,
die atmend glühten.

Lippen im Lachen
hat er berührt,
die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
als schluchzender Schrei,
an dämmernder Röte
flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
durch flüsternde Zimmer
und löschte im Neigen
der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Durch die glatten
kahlen Alleen
treibt sein Wehn
blasse Schatten

und den Duft,
den er gebracht,
von wo er gekommen
seit gestern nacht.

Hugo von Hofmannsthal
(1874-1929)

___________________________________________________

Vorfrühling

Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif -
Zweifelnd frag’ ich mein Gemüte:
Ist’s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?

Paul Heyse
(1830 -1914 )

___________________________________________________

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und Zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

(1876-1926)

___________________________________________________

Winter ade!

So hört doch, was die Lerche singt!
Hört, wie sie frohe Botschaft bringt!
Es kommt auf goldnem Sonnenstrahl
der Frühling heim in unser Tal,
er streuet bunte Blumen aus
und bringet Freud’ in jedes Haus.
Winter, ade!
Frühling, juchhe!

Was uns die liebe Lerche singt,
in unsern Herzen wiederklingt.
Der Winter sagt: ade! ade!
Und hin ist Kälte, Reif und Schnee
und Nebel hin und Dunkelheit -
willkommen, süße Frühlingszeit!
Winter, ade!
Frühling, juchhe!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(1798 – 1874)

___________________________________________________


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>